03.05.2009

Hochzeit auf Nigerianisch

Kürzlich heiratete ein Arbeitskollege von mir. Es war nicht die erste Hochzeit, die ich in Nigeria erlebte (davon gibt es unzählige, denn im Gegensatz zu unseren Gepflogenheiten braucht man hier keine Einladung um an der Feier teilzunehmen), aber wohl die bedeutungsvollste für mich.
Joseph und Ladi

Es ist normal, dass Freunde, Arbeitskollegen etc. einheitlich an der Hochzeit auftreten. Und da ich an diesem Fest richtig Nigerianisch sein wollte, holte ich mir einige Freundinnen an Bord.Hurra, Patric ist da!
Und wie Nigerianisch wir an diesem Tag waren! Aufgrund von ungenauen Zeitangaben, was die Fahrzeit anbelangte, Beamten der Strasse, die unbedingt alle unserer Papiere sehen wollten, und einem Auto, das nicht mehr richtig fahren wollte, kamen wir 45 Minuten zu spät zur Trauung. Wir schafften es gerade noch vor dem Eheversprechen!
Joseph, der Bräutigam, fragte uns Monate im voraus an, ob wir Weissen einen Tanz aufführen würden. Wie könnte man ihm einen solchen Wunsch abschlagen. Das Ganze war ziemlich spontan und darum sehr lustig.
Bature (=weisser Mann) Tanzgruppe

Dass unsere Tanzeinlage Gefallen fand, konnten wir an dem Geld sehen, mit dem wir besprayt wurden. Es ist der Brauch, dass einem auf Hochzeiten Geldscheine auf die Stirne gedrückt werden, wenn der Tanz gefällt. Das Geld kommt dann dem Brautpaar zugute.
Geld sprayen

Als Weisser kann man nie inkognito auftreten, überall sticht man sofort heraus. Anders ist das auch bei Hochzeiten nicht. Es ist für jeden Nigerianer eine Ehre, ein weisses Gesicht unter den Gästen zu haben. Somit wurden wir mit weissen Handschuhen angefasst und mussten am 'high table' (=Ehrentisch) sitzen. In unserem Falle sassen wir nicht an einem Tisch, sondern in Reihen unter einem Canopy (siehe Foto oben). Am high table zu sitzen bedeutet, dass man das Essen vor den 'normalen Gästen' bekommt und meistens auch in grösseren Protionen. Das Standart Hochzeitsessen besteht aus jollof rice (Reis mit Gemüse), einem Stückchen Fleisch und einem ungekühlten Softgetränk (Cola, Sprite, Fanta,...). Manche staunten nicht schlecht, als sie auf dem Stückchen Fleisch noch die Fell der Kuh entdeckten :-) Typisch Nigerianisch eben! Oh wie liebe ich Nigeria! (Echt!)

10.03.2009

Tom und Jerry

Als Kind liebte ich Tom und Jerry. Ich freute mich, wenn Jerry es wieder einmal schaffte, den Krallen von Tom zu entkommen. Aber manchmal bemitleidete ich Tom. Der arme Kerl hatte einfach keine Chancen, den gewitzten Tom zu fangen und nur zu oft war er der Verlierer.
Dass aber auch die Verlierer mal gewinnen können, das habe ich diese Woche in meinen eigenen vier Wänden erlebt. Tom und Jerry live. Oder besser Max und die Maus.

Es war einmal kurz vor Mitternacht. Ich stand bereits an den Grenzen des Landes der Träume, als ich von einem Rascheln in die Realität zurück geholt wurde. Erst identifitzierte ich das Geräusch als Kakerlake (diese Kreaturen scheinen sich in meinem Haus (leider!!!) wohl zu fühlen). Da eine Kakerlage aber kein Grund zum Aufstehen ist, schliesslich schlafe ich unter einem Moskitonetz, was auch Kakerlaken davon abhält, beim nächtlichen Spaziergang über mein Gesicht zu wandern, drehte ich mich um und versuchte einzuschlafen. Nach nicht allzu langer Zeit hörte ich das Geräusch wieder. Nein, für einen Kakerlake ist das zu laut. Also fischte ich ganz leise nach meiner Brille und der Taschenlampe und ging dem Geheimnis auf den Grund. Und wen sah ich da im Lichtstrahl? Eine Maus!
Dies war der Auftritt für Max, schliesslich wohnt die Katze nicht umsonst in meinem Haus. Nach dem ich ihr das Halsband mit dem Glöggli abnahm, machte sich Max sofort ans Werk. Zu Beginn noch etwas unbeholfen, dann aber immer zielorientierte, wurde geschnüffelt. Und schwupps, Jerry war in Tom's Krallen gefangen. Was dann folgte, war nicht ein Katzenschmaus, sondern ein Spiel. Mäuse geben gute Bälle ab. Quer durch die Wohnung wurde der Graupelz gefegt, gefangen und dann wieder freigelassen, gefangen, freigelassen, ...

... bis ich beschloss, dass sich die beiden vor der Haustüre den Rest geben können. Es war höchste Zeit ins Bett zu gehen. Gute Nacht!

05.03.2009

Sannu dazuwa a Gyero!

Kaum zu glauben, dass bereits ein ganzer Monat seit meinem letzten Eintrag vergangen ist. Du warst wirklich geduldig.

Herzlich willkommen in Gyero!
In diesem Dorf sind unsere Mädchen und die Knaben, die die Primarschule besuchen, zu Hause. Nach den Unruhen im Jahr 2001 konnten wir güngstig Land erwerben, da viele Bewohner aus dem Ort weggezogen sind. Über die Jahre konnte Dank Spenden Haus um Haus gebaut werden.
Die graue Farbe des Himmel ist nicht Nebel, sondern Harmattan, Sandstaub aus der Sahara.


Favour (3 Jahre)
übt sich schon fleissig im 'baby backing' der Afrikanischen Art ein Kind zu tragen.

Die Quelle ist der Mittelpunkt des Compounds der Mädels, denn Wasser wird immer gebraucht...

... und da es kein Boiler gibt, muss es auf dem Feuer erhitz werden (hier von Simi)...

... damit sie die Füsse waschen und täglich ein 'Bad' (mit einer Schüssel Wasser über sich giessen, einseifen und dann abspülen) nehmen können. Die kleineren Mädchen werden von den grösseren geschrubbt.
Unsere drei neusten Mädels: Blessing, Emmanuela und Ene. Sie wohnen in einem separaten Compound, wo sie intensiv begleitet werden, bis sie sich eingelebt haben und bereit sind, sich an die Regeln zu halten.

Kaka, unsere Grossmutter, spricht zwei Wörter Englisch: 'Thank you' und 'good'. An ihr kann ich mein Hausa üben. Sie ist eine unglaubliche Beterin und hat einen unerschütterlichen Glauben. Obwohl sie nicht lesen kann, hat sie ein riesiges Wissen über Gott.

Das Essen wir in der 'Zentralküche' auf dem Feuer zu bereitet. Hut ab vor diesen Damen!

Mehr gibt es ein anderes Mal.....

07.02.2009

Das Neuste aus Jos direkt in deine Mailbox

Neue Posts von Corinne leicht(er) gemacht. Damit du immer auf dem Laufenden bist und nicht täglich nachschauen musst, ob ich einen neuen Post gepostet habe, kann du nun in dem Feld auf der rechten Seite (wo es heisst: "Das Neuste direkt in deinen Posteingang") deine Emailadresse eingeben und dann auf "Subscribe" klicken. Ab sofort wirst du jeden neuen Post in deiner Mailbox finden.

Auf nach Gyero!

Es ist höchste Eisenbahn, dass ich dich an meine Wirkungsorte mitnehme. Dorthin, wo ich meine Zeit verbringe und damit ich dir die Menschen zeigen kann, die mein Leben so viel reicher machen. Als erstes möchte ich dich mit nach Gyero (sprich Giirou) nehmen.
Gyero ist ein Dorf etwa 30-40 Minuten (je nach Strassenzustand, Fahrstil und Bauart des Vehikels) von Jos entfernt. Jeden Donnerstag Nachmittag machen ich mich auf den Weg nach Gyero, wo ich in der Regel bis am Freitag Abend bleibe.

Und los geht es! Raus aus meinem Haus auf die vollen Strassen von Jos.
Wenn man sich eine Stadt ohne Nutztiere vorstellt, dann liegt man hier definitv falsch. Dies ist übrigens die gängige Methode Rindviecher zu transportieren, oder auch in grossen Lastwagen.

Vorbei an unzähligen skurielen Schildern und Unternehmen, die mich immer wieder von neuem zum Lachen bringen.
Dies ist ein Bestattungsunternehmen mit dem Namen "Letztes Zuhause"

Nach zwanzig Minuten biegen wir von der geteerten Strasse auf die Sand- und Staubpiste. Und damit geht das "Geholper" los.

Dies ist die Schlüsselstelle, die Brücke. Immer mal wieder bleibt ein Lastwagen darin stecken. Zur Zeit ist die Brücke noch in einem schlechteren Zustand, man muss genau in der Mitte sein, sonst rutscht ein Reifen in das Loch.
Unterwegs begegnen mir immer Frauen, die auf dem Weg zum Markt oder auf dem Heimweg von der Feldarbeit sind. Diese Eindrücke gehören zu meinen liebsten.
Vorbei an Fulanis mit ihrer Herde. Die Fulani gehören zur grössten Nomadengruppe in West Afrika.

Nun sind wir schon bald in Gyero. Doch wie es dort aussieht, zeige ich dir beim nächsten Mal. Hab ein bisschen Geduld. Bis bald!

14.01.2009

Ghana, einfach!?

Bevor du diesen Blog liess, rate ich dir, dass du es dir mit einer Tasse Kaffee oder Tee in der Hand gemütlich machst, denn es wird eine Weile dauern, bis du das letzte Wort gelesen haben wirst.

Während mehreren Wochen liefen die Ferienvorbereitungen auf Hochtouren, denn wir wollten übers Neujahr nach Ghana reisen und die Seelen am Strand baumeln lassen. Der Plan schien einfach zu sein: Wir reisen auf dem Landweg via Benin und Togo nach Ghana und fliegen dann zurück nach Abuja (Nigeria) um Zeit zu sparen. Wir würden den Bus nach Lagos nehmen, was ca. 12 Stunden dauert, am nächsten Tag mit Bus oder Taxi nach Cotonou, Benin. Hier würden wir eine Nacht verbringen und dann mit dem Bus nach Accra, Ghana weiterfahren. Nach einer Nacht in Accra würde uns dann das Meer empfangen. Ziemlich simpler Plan, nicht wahr? Mit mehr oder weniger Afrikaerfahrung wussten wir theoretisch, dass nichts nach Plan geht. Und deshalb packten wir neben der Badehose noch Bücher und ein grosse Portion Flexibilität ein. Aber selbst in unseren kühnsten Träumen hätten wir uns nicht geträumt, was uns begegnen würde.

Noch bevor die Reise los ging, wurde der Flug von Accra nach Abuja ohne Erklärung gestrichen und das nur wenige Stunden, nach dem wir es endlich geschafft hatten, für alle ein Ticket zu buchen. Es hiess also zum ersten Mal einen Plan B zu entwickeln. Als wir am 24. Dezember (weniger als 48 Stunden vor der Abreise) unsere Pässe mit den Ghana Visa zurück erhielten, stellte ich voller Schrecken fest, dass mein Pass nicht dabei war! Im Geiste sah ich mich schon zu Hause bleiben, da niemand am Weihnachtstag in der Botschaft zu erreichen wäre. Gott sei Dank befand der Pass sich im Kopierer eines Freundes, der für uns die Visa besorgte. Fröhliche Weihnachten!

Am 26. Dezember wurden wir um 6.45 Uhr zur Busstation gebracht, von wo um 7.00 Uhr der Bus nach Lagos aufbrechen sollte. Unternehmungslustig checkten wir ein, und warteten und warteten. Aus dem Lautsprecher wurde uns immer wieder für unsere Geduld gedankt, da der Bus noch nicht da sei, aber er würde kommen. Als er dann um 11.30 Uhr endlich auftauchte, waren wir mehr als bereit aufzubrechen. Allerdings wurde uns klar, dass aus dem sicheren Tagesbus ein Nachtbus werden würde. Und ein Nachtbus steht auf der „Du sollst nicht... -Liste“ in Nigeria ganz oben. Wir wurden am späten Abend dann tatsächlich von einige finsteren Typen in einem Auto verfolgt, so dass der Fahrer aus Sicherheitsgründen beschloss, vor einer Polizeistation Halt zu machen und erst am frühen Morgen weiterzufahren. So erreichten wir Lagos um 7.00 Uhr am nächsten Morgen: 24 Stunden nach dem wir uns in Jos reisefertig gemacht hatten.

Als wir die Bustickets von Cotonou nach Accra kaufen wollten, wurde uns gesagt, dass wir a) diese nicht hier kaufen könnten und dass b) dass Ghana seine Grenzen wegen der bevorstehenden Präsidentschaftswahlen für die folgenden zwei Tage geschlossen habe. Flexibel wie wir waren, beschlossen wir zwei Nächte anstatt einer in Cotonou zu bleiben.

Per Taxi ging es von der Busstation zum Taxi-Sammelplatz, von wo die Taxis nach Cotonou abfuhren. Nur neben bei: Für die 5 minütige Fahrt wurden wir total abgezockt. Nicht viel anders ging es uns, als wir die zwei Taxis für die Grenzüberquerung charterten. Nehmt euch doch unser Geld, als Missionare haben wir ja Geld wie Heu!!! Aber es sollten noch nicht genügend Emotionen für den Tag sein. 500m vor der Grenze bliebt ein Taxi stehen. Als es weiter ging, wurden wir alle 10m von einem Nigerianischen „Immigrations-Beamten“, der mit einem nägelbespicktem Stock bewaffnet ist, gestoppt und nach einem „Happy Christmas“ gefragt, was soviel bedeutet, dass er Moneten sehen möchte. Es scheint, dass jeder beliebige sich hier in die Reihe stellen kann. (Vielleicht sollte ich diese Methode ebenfalls ergreifen, wenn ich das nächste Mal Unterstützung für meinen Dienst sammeln werde. Scheint lukrativ zu sein.)

An der Nigeria-Benin Grenze mussten wir uns ein Transit-Visum (48h) besorgen, was Abklärungen zu Folge einfach zu erhalten sei und ca. 25 CHF kosten sollte. Falsch! Nach drei stündigem Verhandeln, Warten, die Strasse fünfmal überquerend und jedem hinter einem Tisch sitzenden Beamten „Drinkgeld“ gebend, konnten wir dieses unwirtliche Stück Land mit mächtig geschrumpftem Reisebudget endlich verlassen. Hier fassten wir den einstimmigen Entschluss, nicht via Land nach Nigeria zurück zu reisen, sondern in Ghana einen Flug zu buchen. Einige Stunden später erreichten wir das SIM Guesthouse in Cotonou und damit endlich eine Dusche und ein richtiges Bett.

Es folgte ein vergeblicher 2,5 stündiger Versuch Geld zu wechseln und die Billets für die Weiterfahrt zu besorgen. Es war Samstagnachmittag und somit waren alle Geldwechselbüros geschlossen. Am Sonntag konnten wir via jemanden von der Kirche, der jemandem auf dem Schwarzmarkt kennt J, schliesslich doch noch Geld wechseln und unsere Busbillets kaufen.

Am Montagmorgen als wir Benin verlassen wollten, zogen Marc und Lisa nochmals los um Travellers Checks zu wechseln, da wir Geld für unsere Togo Visa brauchten. Der kurze Abstecher zur Bank entpuppte sich als zweistündige Odysee, während dem keiner von uns sechs Wartenden wusste, wo die beiden waren. Der Bus war längst zur Abfahrt bereit, doch von den beiden war keine Spur zu sehen. In meinem Geiste sah ich sie irgendwo ausgeraubt, gefesselt und im Strassengraben liegen oder in der Stadt herum irren, weil sie sich verlaufen hatten. Fazit dieses Teilabenteuers: Travellers Checks sind nutzlos in Afrika und Naira ausserhalb Nigerias ebenso.

An der Grenze zu Togo mussten wir zusätzliche 5,000 CFA (ca. 12 CHF) bezahlen, da wir aus nicht francophonen Länder stammen. Meine Überzeugungsversuche, dass in der Schweiz ebenfalls Französisch gesprochen werde, fruchteten nicht.

Da wir bereits ein Visum für Ghana hatten verlief die dritte Grenzüberquerung problemlos. 140km vor Accra, in einem kleinen Dorf, entschliesst sich unser zuverlässiger Minibus, dass es an der Zeit sei, Probleme zu machen. Der Motor gab schreckliche Geräusche von sich und gab schliesslich auf. Kühlwasser fliesst auf die Strasse. Als der Fahrer den Sitz zurückklappte, um nach dem Motor zu schauen (es ist einer jener Toyota Busse, die den Motor unter dem Fahrersitz haben), öffnete er den Deckel des Kühlwassertanks. Wie ein Geysir verteilet sich das Wasser im Innern des Autos. Nach einigen vergeblichen Versuchen sprang der Motor wieder an und wir tuckerten im dritten Gang mit 60 km/h weiter. Durch ein Wunder schaffte es der Bus bis nach Accra.

Von hier an ging alles plötzlich viel einfacher. Beinahe ungewöhnlich, widererwartend einfach. Wir erreichten Big Milly’s Backyard und somit das Meer und den Strand. Der Urlaub konnte beginnen!!! Ob wir uns diesen wirklich verdient haben?

Mehr als einmal während der ganzen Reise wurden wir an folgende Bibelstellen erinnert:

Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. (2. Kor 4,8)

Sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnisse Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden, ... (Röm 5, 3-5)


Strand bei Kokorbite

Sylversterabend

Ehemalige Sklavenburg in Elmina

Haengebruecken im Dschungel

13.12.2008

Fehlende Worte

Mein Schweigen hat lange gedauert und selbst jetzt fällte es mir schwer aus der Schreib-Lethargie auf zu wachen. Ich weiss ist höchste Zeit, dir lieber Leser, einen Einblick in die jüngste Geschichte von Jos zu geben. Aber ehrlich gesagt, weiss ich nicht, ob mir dies gelingen wird. Denn nach wie vor kommt mir alles so unreal vor, ich kann die Ereignisse nicht ganz einordnen.
Alles was ich hier schreibe sind meine Erfahrungen, Gedanken und Gefühle. Ich wage es nicht, generelle Ausagen zu machen, denn dazu ist die ganze Sache zu komplex.

Die letzten Wochen bilden noch Wirrwar an Gedanken, Emotionen und Erlebnissen. Es wird noch eine Weile dauern, bis sich dieser Nebel lockert. Was geschah sprengte meinen Erfahrungshorizont bei weitem. Es gibt nichts, womit ich das Geschehene vergleichen kann, nichts an dem ich anknüpfen könnte.
Alles begann mit einem geplanten Angriff am 28. November. Die Wahlen und der vorgehaltene Wahlbetrug waren nur ein Vorwand, wie sich bald herausstellte. Hunderte von angeheuerten Kämpfer aus anderen Regionen Nigerias und sogar umliegenden Ländern wurden in den Tagen davor und selbst während der Unruhen nach Jos 'geschifft'. An Militärkontrollpunkten wurden Duzende von Autos angehalten, welche mit Waffen gefüllt waren, die nach Jos gebracht werden sollten, um die Moslemischen Kämpfer zu unterstützen.
In der Folge kam es zu heftigen Strassenkämpfen. Häuser wurden in Brand gesteckt, ebenso Kirchen und Moscheen. Menschen rannten um ihr Leben, die Spitäler waren überfüllt mit Menschen mit Schussverletzungen und Messerstichen. Während zwei Tagen waren ununterbrochen Schüsse zu hören, der Himmel war dunkel vor lauter Rauch. Die letzteren zwei Dinge war alles, was ich zu Beginn der Unruhen mitbekam, denn ich war sicher hinter den Compoundmauern eingesperrt, da eine Ausgangssperre verhängt wurde. Es ist seltsam, wie etwas der Art Schreckliches nur einige Hundert Meter von dir entfernt statt finden kann, du dich aber in einer anderen Welt befindest. Ich fühlte mich wie in einer Blase, welche dann wurde dann aber doch irritiert wurde, als wir Meldung bekamen, dass die Compounds die zu ECWA gehören mögliche Angriffsziele sind. Damit kam die Gefahr ganz nahe an mich heran. Da in einer Krisensituation wie wir sie erlebten, alle Informationen ernstgenommen werden müssen, wurde uns nahegelegt, dass wir unsere Häuser für einige Tage verlassen um zu sehen, wie sich die Situation entwickeln wird. Die Erfahrung sich selbst zu evakuiern war mehr als nur seltsam. Während ich meine Sachen packte, streiften mich viele Gedanken. Was, wenn ich nicht mehr zurück kommen kann? Diese Möglichkeit bestand, da keiner wusste wie sich die Lage entwickeln würde. Was packe ich dann ein? Welche Dinge, dich ich mit Nigeria verbinde, möchte bei mir haben? Ich glaubte eigentlich, dass ich wieder in meine Wohnung zurückkehren werde, aber was wenn nicht? Als der Rucksack schliesslich gepackt war, galt es da Haus dicht zu machen: alle Stecker ausziehen, Boiler ausschalten, Vorhänge zu ziehen und eine riesige Schüssel mit Wasser und Futter für Katze Max bereitstellen. Was wir dir ihr, wenn ich in die Schweiz fliegen muss?
Die kommenden sechs Tage überschreibe ich mit "Zwangsferien". Hin und her gerissen zwischen den Vergnügen (Sport, Siedler von Catan spielen, viel Essen und Gemeinschaft) und der Situation in Jos (Unruhe, grosse Not, Freunde die sich dort befinden) konnte ich die Zeit mal genissen, mal aber wurde ich von Zweifeln, Frustration und Schuldgeühlen überrannt. Hier befinde ich mich nun in Sicherheit, weit weg von den Unruhen und Problemen. Aber wie kann ich einfach wegrennen, wenn Tausende von Nigerianern diese Möglichkeit nicht haben? Die Not ist so gross und ich kann nicht helfen, statt dessen vergnüge ich mich hier. In mir fand ein Kampf zwischen rationalen und emotinalen Opponenten statt.

In den letzten zwei Wochen versuchte ich täglich wieder ein Stück Alltag zu finden, aber dies ist schwierig. Ich vermisse zwei Wochen, die aus meinem Leben gerissen wurden. Jedem geht es so. Dir fehlen einfach zwei Wochen. Das Leben in Jos normalisiert sich, aber es ist doch anders als vorher, weil die Stadt eine andere ist, die Leute anders sind. Man kann eine gewisse Anspannung spüren. In Gesprächen mit Menschen ist die Krise ständig gegenwärtig und wird es noch lange bleiben. Mit jeder Begegnung, jedem Blick auf zerstörte Häuser und ausgebrannte Autos, jeder Geschichte, die ich höre, dringt die unbegreifliche Realität etwas mehr in meine Blase ein. Vertriebene, Verletzte, Tote, Hablose, Trauernde, Wütende, Aufgebrachte, Hoffnungslose, Hoffende, Zerstörer und Friedensstifter leben mit mir ein einer Stadt. Irgendwie bin ich ein Teil von ihnen und ich spüre den Schmerz der Menschen. Alles was sich diesen Menschen wünsche ist die Botschaft von Weihnachten: "Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen." Noch nie habe ich die Adventszeit so wirklich erlebt, noch nie so passend wie diese Jahr.
Euch Menschen von Jos wünsche ich friedvolle Weihnachten, der Erretter ist da!